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Finis Philosophiae

1 Leave a comment on Absatz 1 0 Um das Verhältnis von Aktivität (Philosophie) und Passivität (Weisheit), den Zusammenfall von Ziel und Ende der Philosophie, und zuletzt die noch genauer zu erklärende Dialektik zwischen Herkunft und Ziel derselben zu verdeutlichen, kann man versuchen, die finis philosophiae in drei Teile zu unterteilen: einen primär theoretischen, einen primär praktischen und einen sowohl theoretischen wie auch praktischen.

2 Leave a comment on Absatz 2 0 Gibt man das bereits anfangs angeführte Zitat Ficinos aus dem Brief De platonica philosophi natura, institutione, actione (Lib. IV, 18) vollständig an, so zeigt sich, dass der terminus a quo der Philosophie schon immer auf die Weisheit als terminus ad quem ausgerichtet ist:

3 Leave a comment on Absatz 3 0 Cùm ab omnibus Philosophia, (ut nomen ipsum á Pythagora inductum perhibet) sapientiae amor definiatur, sapientia uerò diuinorum contemplatio sit, certè Philosophiæ finis est cognitio diuinorū[m].

4 Leave a comment on Absatz 4 0 Die theoretische Zielsetzung der Philosophie als cognitio divinarum verdeutlicht, dass finis hier sowohl Ziel als auch Grenze bzw. Ende bedeutet. Hat die Philosophie nämlich in der Kontemplation die Weisheit des Göttlichen erlangt, so hat sich in diesem Erreichen ihr Streben und Suchen vollendet. Die philosophia ist dann zur sapientia geworden und hebt sich in ihrem Resultat auf (im Sinne von ἀναιρεῖν , Resp. 533c). Ficino sieht, wie er im Anschluss an das Zitat anfügt, diesen Aufstieg (ascensus) bes. im siebten Buch von Platons Politeia. Solange das Ziel aber nur in Aussprüchen wie »Philosophus<,> diuina quærat diligentius […]«16 fokussiert wird, bleibt die Philosophie als Aufstieg zum göttlichen Licht (philosophia ascensus ad lucem est17) erhalten. Erst durch das Erreichen des Lichts, das auch hier als Metapher für die göttliche Wahrheit steht18, ist die Identität von philosophia und sapientia gewährleistet. Das wird besonders an denjenigen Stellen deutlich, an denen Ficino die Weisheit als göttliche und höchste Wahrheit paraphrasiert und die Philosophie somit als »ueritatis amor« bestimmt19.

5 Leave a comment on Absatz 5 0 Von einem praktischen Ziel könnte man sprechen, wenn die Zielsetzung der Philosophie sich auf den Lebensentwurf des Philosophen auswirkt. Ein typisches Beispiel für eine derartige Rückbbindung an die Praxis könnte der platonische, sokratische und auch pythagoreische Begriff20 der meditatio mortis sein, den Ficino besonders anhand des Phaidon21 in seiner Theologia platonica beschreibt:

6 Leave a comment on Absatz 6 0 Tot um hoc philosophiæ studium, ut inquit Plato[,] est meditatio mortis. Siquidem mors est animæ à corpore liberatio.22

7 Leave a comment on Absatz 7 0 Der zweite Satz des Zitats verdeutlicht aber, dass Ficino die meditatio mortis ebenso wie die Neuplatoniker und nicht wie die Aristoteliker23 oder wie später einige Denker des Barock24 als Prinzip der Lebensführung versteht, durch das man sich seines Daseins bewusst wird und das damit zur Selbsterkenntnis ermahnt. Das platonische Nachdenken über den Tod stellt für Ficino wie für Porphyrius und Iamblich vielmehr eine Metapher für die Loslösung der Seele vom Körper dar25. Mithilfe der Abstraktion des Sinnlichen und Körperlichen steigt man zur Weisheit und Wahrheit bzw. zu Gott oder der Idee auf, die man kurzfristig betrachten kann, bevor man wieder in den »Leibeskerker« herabsinkt. Im Anschluss an Platon und vor allem aber an Plotin beschreibt Ficino diese Schau des Göttlichen zu Lebzeiten nur eine augenblickliche und zeitweilige Erfahrung sein kann und sich erst im Tod zur contemplatio continua vollendet26. Obwohl die meditatio mortis somit kein rein praktischer Aspekt des Neuplatonismus ist, drängen sich mit ihr doch die moralischen und ethischen Fragen nach dem Selbstmord und der Unsterblichkeit auf, die wir an dieser Stelle nur soweit behandeln können, als dass wir darauf verweisen, dass Ficino die erste Frage – ebenso wie Plotin (Enn I 9) – verneint, während er der zweiten Frage sein Hauptwerk, die Theologia platonica widmet und sie durch diese Schrift bejaht. Allein demnach lässt sich schon erahnen, dass die Anführung der meditatio mortis in der Theologia platonica nicht die Funktion hat, eine praktische Dimension der Philosophie zu definieren, sondern zu zeigen, dass der Philosoph ähnlich wie der Märtyrer sich von der gewöhnlichen Masse dadurch abhebt, dass er den Tod nicht fürchtet, da er schon zu Lebzeiten seinen Geist vom Körper zu trennen beabsichtigt: »Nec terribilis mors est philosophis […]«27. Praktisch, d. h. rückwirkend auf den Lebensentwurf des Philosophen ist somit an der meditatio mortis vor allem die Tatsache, dass er den Tod nicht fürchtet, da er selbst schon zu Lebzeiten sich immer wieder im Sterben übt bzw. sich vom Körper zu trennen versucht. Die meditatio mortis kann so wenig Zweck einer humanen Praxis oder Theorie sein wie die Philosophie Ziel des Philosophierens ist. Beides sind Wege, die in einer mit der σοφία gleichgesetzten Kontemplation enden, die dauerhaft sein soll oder deren Auswirkung zumindest dauerhaft auf die Lebensweise des Menschen einwirken soll. Die meditatio mortis ist daher wie die Philosophie eine Aktivität und Tätigkeit des Menschen, die zum Zweck nur das Erreichen der passive und in sich ruhenden Weisheit Gottes setzt. Wird diese Weisheit erreicht – was im diesseitigen Leben nur kurzfristig (contemplatio abrupto), im jensetigen dagegen dauerhaft (contemplatio continua) geschehen kann – so fallen Ziel und Ende der Philosophie zusammen: Denn das Ziel der Liebe zur Weisheit ist die Weisheit und das Erreichen der Weisheit ist das Ende der Philosophie. Dies dürfte die schon mehrfach angeführte Dialektik zwischen Herkunft und Ziel der Philosophie erklären: Die Etymologie des Philosophiebegriffs referriert sowohl auf die Liebe als terminus a quo (origio) als auch auf die Weisheit als terminus ad quem (finis). Weder Herkunft noch Ziel sind für sich selbst verständlich, sondern beide müssen immer in Verbindung zueinander gedacht und erklärt werden.


8 Leave a comment on Absatz 8 0 16Marsilio Ficino: Epistolarum III 53. De officiis. In: Opera quae hactenus existere. Henricpetri. Basileae 1576, S. 744.

8 Leave a comment on Absatz 8 0 17Der gesamte Passus lautet: »Philosophia itaq[ue] (ut paucis cō[m][prehē[n]damus) ascē[n]sus est animi, ab inferiorib[us] ad sup[rem]a, à tenebrisq[ue] ad lucē[m] […].« (Marsilio Ficino: Epistolarum IIII 18. De Platonica philosophi natura, institutione, actione. In: Opera quae hactenus existere. Henricpetri. Basileae 1576, S. 763).

8 Leave a comment on Absatz 8 0 18Vgl. Hans Blumenberg: Licht als Metapher der Wahrheit. Im Vorfeld der philosophischen Begriffsbildung. In: Ästhetische und metaphorologische Schriften. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2001, S. 139–172.

8 Leave a comment on Absatz 8 0 19Marsilio Ficino: Epistolarum VI 36. Qui colit numen, numinis oraculis interest. In: Opera quae hactenus existere. Henricpetri. Basileae 1576, S. 831.

8 Leave a comment on Absatz 8 0 20Zur neuplatonischen Tradition, die die meditatio mortis sowohl auf den Sokratismus als auch auf den Pythagoreismus zurückführt vgl. bes. Hieronymus: Contra Ruffinum III, 40: »Primus Pythagoras dixit, Philosophiam meditationem esse mortis : quotidie de carcere corporis nitenlem
educere animas libertatem.«

8 Leave a comment on Absatz 8 0 21Nach Phaid. 64 a 4–6: »Κινδυνεύουσι γὰρ ὅσοι τυγχάνουσιν ὀρθῶς ἁπτόμενοι φιλοσοφίας λεληθέναι τοὺς ἄλλους ὅτι οὐδὲν ἄλλο αὐτοὶ ἐπιτηδεύουσιν ἢ ἀποθνῄσκειν τε καὶ τεθνάναι.«

8 Leave a comment on Absatz 8 0 22Marsilio Ficino: Theologia Platonicæ XVI, 8. In: Opera, S. 363.

8 Leave a comment on Absatz 8 0 23Vgl. Stefan Heßbrüggen-Walter: The Concept of Philosophy in Early Modern Spanish Aristotelianism. http://emto.fernuni-hagen.de/xwiki/bin/view/Entwuerfe/DefinitionOfPhilosophy

8 Leave a comment on Absatz 8 0 24Vgl. bspw. die Verbindung der meditatio mortis mit dem nosce te ipsum bei Andreas Gryphius: Der Tod Als Artzt der Sterblichen. In: Dissertationes Funebres, Oder Leich-Abdankungen : Bey Unterschiedlichen hoch- und ansehnlichen Leich-Begängnüssen gehalten / Andreas Gryphius. – [Online-Ausg.]. – Frankfurt : Klos, 1698, S. 369–408, hier: S. 406f.: »Ich erinnere mich/das auf dem ber[e>u]hmten Anatomi schen Schau-Platz/ der durch die Welt beruffenen hohen Schule zu Leiden/ unter vielen andern auch ein Todeten=Gerippe stehet/ welches in der Fahne die bekanten Worte f[e>u]hret: Nosce Te ipsum, Erkenne dich selbst. O hier/ hier lernet euch selbst kennen/ die ihr noch Zeit euch ken[n]en [e>u]brig habt. Der weise Plato, so redet Hieronymus, hat davor gehalten/das gantze Leben der Weisen w[ea]re nichts denn eine Betrachtung des Todes.« http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke/xb-2828

9 Leave a comment on Absatz 9 0 25Ferner: Porphyrius: De vita Pythagorae 46. – Iamblichos: Adhortatio ad philosophiam XIII.

10 Leave a comment on Absatz 10 0 26Vgl. bspw. Platon: Smp. 210e. – Plotin: Enn. IV 8,1 u. I 9.

11 Leave a comment on Absatz 11 0 27Marsilio Ficino: Theologia Platonicæ XVI, 8. In: Opera, S. 363. – Vgl. zum Kontext der meditatio mortis Jörg Lauster: Die Erlösungslehre Marsilio Ficinos. Theologiegeschichtliche Aspekte des Renaisseplatonismus. Berlin u. a.: de Gruyter, 1998, S. 205ff., S. 221f.

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Quelle:https://blog.fernuni-hagen.de/emto-preprint/neopythagoreismen-und-pseudosokratismen-im-platonismus-der-fruhen-neuzeit/finis-philosophiae/