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Origo Philosophiae

1 Leave a comment on Absatz 1 0 Hinsichtlich der Herkunft und Etymologie des Philosophiebegriffs findet sich bei Ficino eine starke Rückbindung an dessen ursprüngliche Bedeutung, die sich im Pythagoreismus entwickelte. Im präpythagoreischem Wortschatz wurde der Begriff ›σοφία‹ im Sinne von humaner Wissenschaft und Weisheit gebraucht. Laut Diogenes Laertius4 soll Pythagoras den Begriff ›σοφία‹ für den Menschen zu ›φιλοσοφία‹ herabgestuft haben, weil Weisheit allein Gott zukommen könne. Der Mensch hat hingegen nur die Möglichkeit diese allein Gott zugesprochene Weisheit zu lieben5. Dadurch wird der Ursprung des Philosophiebegriffs mit einer Dynamik des menschlichen Strebens nach der göttlichen σοφία konnotiert, die dem platonisch-sokratischen Ideal einer dialektischen Suche nach der Idee des Guten (Resp 504a ff.) und der erotischen Lebensausrichtung auf die Idee des Schönen (Smp 201d ff.) entspricht. Besonders das sokratische Moment des genuinen Platonismus erweist sich somit bereits als ein Neopythagoreismus. Aufgrund der Kompatibilität zwischen Pythagoreismus und Platonismus6 und aufgrund der Überlieferung der laertischen Darstellung durch Cicero7 ist es darüber hinaus für den Platonisten und Humanisten Ficino kein Problem, alle angesprochenen Philosophenschulen in einer »prisca philosophia« zu vereinen8 und somit den pythagoreischen Philosophiebegriff zu übernehmen:

2 Leave a comment on Absatz 2 0 Cùm ab omnibus Philosophia, (ut nomen ipsum á Pythagora inductum perhibet) sapientiae amor definiatur, sapientia uerò diuinorum contemplatio sit […]. 9

3 Leave a comment on Absatz 3 0 Dieses Zitat, das wir weiter unter vollständig besprechen werden, stammt aus Ficinos herausragendem Brief, der mit De platonica philosophi natura, institutione, actione (Lib. IV, 18) betitelt ist, und verdeutlicht, dass Weisheit und Philosophie in ihrer etymologischen Verwendungsweise nicht zu Synonymbegriffen werden können10, weil die sapientia die divinatorische Vollendung dessen ist, was die humane philosophia zunächst nur als stets unvollendete Betrachtung im Sinne einer kurzfristigen visio Dei anstreben kann. Diese Genauigkeit bei der Bestimmung des Ursprungsbegriffs ›Philosophie‹ ist für den Neuplatonismus ebenso wichtig wie für Platon selbst, da mit der etymologischen Bestimmung auch der terminus a quo des Philosophen angegeben wird – und der ist seine eigene Unwissenheit. Wäre bei Ficino philosophia synonym oder univok mit sapientia – wie Winfried Schröder behauptet11 –, wäre die aktiv-dynamische Leistung der Philosophie als Suche oder Streben in der passiven Kontemplation aufgehoben. Damit wäre die vita activa der Philosophie identisch mit der vita contemplativa, wie sie in der göttlichen Ruhe und Ewigkeit vollendet gedacht wird und der genaue etymologische Rekurs auf Pythagoras wäre hinfällig. Die Liebe stellt daher aus der Sicht des Weisen die Demarkationslinie zwischen mangelhaft menschlicher und vollendet göttlicher Weisheit dar. Im Unterschied zum Begriff „Weisheit“ ist aber für Ficino der Begriff „Philosophie“ keine Zustandsbeschreibung, sondern bezeichnet eine progressiv-asketische Erotik, wie sie Ficino nicht nur bei Pythagoras, sondern auch in Platons Symposion sieht. In Hinblick auf den Philosophiebegriff kann man daher an dieser Stelle schon sagen, dass Ficinos Neuplatonismus kein Pseudoplatonismus ist, sondern einen Sokratismus enthält, der sich wiederum auf die neupythagoreische Etymologie zurückzuführen lässt. Eine Univozität besteht allerdings zwischen Philosophie und Religion12, da jene die Weisheit, diese Gott liebt und Weisheit und Gott trotz der syntaktischen Heteronymität, semantisch homonym verwendet werden: Gott ist die Weisheit selbst vice versa und daher ist die Liebe zur Weisheit auch die Liebe zu Gott13:

4 Leave a comment on Absatz 4 0 Si philosophia ueritatis sapientiæq[ue] amor ac studiū[m] ab omnib[us] definit[ur ]. Veritas aūt[em] et sapiē[n]tia ipsa ipse solus est Deus, sequit[ur] ut neq[ue] legitima Philosophia quicq[uam] aliud, quā[m] uera religio, neq[ue] aliud legitima religio, q[uam] uera Philosophia […]. 14

5 Leave a comment on Absatz 5 0 Da Deus und sapientia einen einzigen beständigen Fokus der Liebe bilden, lässt sich erahnen, dass der Ursprung und die Etymologie des Begriffs ›Philosophie‹ nicht ohne ihr Ziel zu verstehen ist15, das gleichzeitig auch das Ende der Philosophie bedeutet.


6 Leave a comment on Absatz 6 0 4Vgl. Charles L. Stinger: Humanism and the Church Fathers. Ambrogio Traversari (1386–1439) and Christian Antiquity in the Italian Renaissance. Albany: New York Press, 1977, S. 70–79.

7 Leave a comment on Absatz 7 0 5Vgl. Diog. Laert.: Vitae I, 12,1–10: »Φιλοσοφίαν δὲ πρῶτος ὠνόμασε Πυθαγόρας καὶ ἑαυτὸν φιλόσοφον, ἐν Σικυῶνι διαλεγόμενος Λέοντι τῷ Σικυωνίων τυράννῳ ἢ Φλιασίων, καθά φησιν Ἡρακλείδης ὁ Ποντικὸς ἐν τῇ Περὶ τῆς ἄπνου· μηδένα γὰρ εἶναι σοφὸν [ἄνθρωπον] ἀλλ’ ἢ θεόν. θᾶττον δὲ ἐκαλεῖτο σοφία, καὶ σοφὸς ὁ ταύτην ἐπαγγελλόμενος, ὃς εἴη ἂν κατ’ ἀκρότητα ψυχῆς ἀπηκριβωμένος, φιλόσοφος δὲ ὁ σοφίαν ἀσπαζόμενος. οἱ δὲ σοφοὶ καὶ σοφισταὶ ἐκαλοῦντο· καὶ οὐ μόνον, ἀλλὰ καὶ οἱ ποιηταὶ σοφισταί, καθὰ καὶ Κρατῖνος ἐν Ἀρχιλόχοις τοὺς περὶ Ὅμηρον καὶ Ἡσίοδον ἐπαινῶν οὕτως καλεῖ.« (Hervorh. v. mir – J. L.]

8 Leave a comment on Absatz 8 0 6Vgl. dazu auch Platon: Apol. 22d4–e1; 23a5–7: ἀλλ’, ὦ ἄνδρες Ἀθηναῖοι, ταὐτόν μοι ἔδοξαν ἔχειν ἁμάρτημα ὅπερ καὶ οἱ ποιηταὶ καὶ οἱ ἀγαθοὶ δημιουργοί – διὰ τὸ τὴν τέχνην καλῶς ἐξεργάζεσθαι ἕκαστος ἠξίου καὶ τἆλλα τὰ μέγιστα σοφώτατος εἶναι – καὶ αὐτῶν αὕτη ἡ πλημμέλεια ἐκείνην τὴν σοφίαν ἀποκρύπτειν· […] τὸ δὲ κινδυνεύει, ὦ ἄνδρες, τῷ ὄντι ὁ θεὸς σοφὸς εἶναι, καὶ ἐν τῷ χρησμῷ τούτῳ τοῦτο λέγειν, ὅτι ἡ ἀνθρωπίνη σοφία ὀλίγου τινὸς ἀξία ἐστὶν καὶ οὐδενός.

9 Leave a comment on Absatz 9 0 7Cicero: Tusc. disp. V, 3, 7–9.

10 Leave a comment on Absatz 10 0 8Vgl. Miguel A. Granada: The Evolution of Renaissance Thought Regarding the Relationship between Antiquity, the Middle Ages and the Present: from Petrarch to Giordano Bruno. In: Departure for Modern Europe. A Handbook of Early Modern Philosophy (1400–1700). Hrsg. v. Hubertus Busche. Hamburg: Meiner, 2011, S. 225–237, hier: S. 231ff.

11 Leave a comment on Absatz 11 0 9Marsilio Ficino: Epistolarum IV 18. De Platonica philosophi natura, institutione, actione. In: Opera quae hactenus existere. Henricpetri. Basileae 1576, S. 761.

12 Leave a comment on Absatz 12 0 10Vgl. Vicente Montañés, Commentarii in Porphyrium phoenicen de quinque communibus vocibus dialecticis : in quibus quaestiones ferè omnes tam à graecis quàm latinis … continentur / autore V. Montanyesio …, Valentiae 1564 (1st edition, EMTO 39461), S.15v. – Complutenses, Collegij Complutensis Discalceatorum fratrum B. Mariae de Monte Carmeli Disputationes in octo libros Physicorum Aristotelis, Compluti 1625 (1st edition, EMTO 4566, cf. Zimmermann 1912, A Sanctissimo Sacramento 1884), S. 5. – Toletus‘ Commentaria, Una cum Quaestionibus, in Octo Libros Aristotelis De Physica Auscultatione, Coloniae Agrippinae 1579, (1st edition 1573, EMTO 42299), S. 1. – Antonio Rubio, Commentarij in octo libros Aristotelis de physico auditu, Madriti: L. Shez, 1625 (1st edition 1605, EMTO 39299, cf. Osorio Romero 1988), S. 1. – Vgl. dazu http://emto.fernuni-hagen.de/xwiki/bin/view/Entwuerfe/DefinitionOfPhilosophy.

13 Leave a comment on Absatz 13 0 11Vgl. Winfried Schröder: Philosophie III (Art.). In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. v. Joachim Ritter u. a. Basel: Schwabe & Co, 1971ff., hier: Bd. 7, S. 656–662.

14 Leave a comment on Absatz 14 0 12Vgl. bes. Marsilio Ficino: Epistolarum VII 18. Philosophia & Religio gemanæ sunt. In: Opera quae hactenus existere. Henricpetri.
Basileae 1576, S. 854.

15 Leave a comment on Absatz 15 0 13Vgl. auch Paul Otto Kristeller: Die Philosophie des Marsilio Ficino. Frankfurt a. M.: Klostermann, 1972, S. 304ff.

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Quelle:https://blog.fernuni-hagen.de/emto-preprint/neopythagoreismen-und-pseudosokratismen-im-platonismus-der-fruhen-neuzeit/origo-philosophiae/