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Prooemium

1 Leave a comment on Absatz 1 0 Gewöhnlich zeigt sich in der philosophiehistorischen Forschung eine gewisse Sensibilität bezüglich der Prädikatisierung ›Platonismus‹ und ›Neo-‹ bzw. ›Neuplatonismus‹. Während Platonismus die größtenteils orthodoxe Lehre bezeichnet und sich nahezu ausschließlich dem Schulgründer verplichtet fühlt, versteht man frühestens seit Augustinus und spätestens seit dem frühen 18. Jahrhundert unter dem Stichwort ›Neuplatonismus‹ eine heterodoxe Gruppierung, die Elemente von sämtlichen Schulen in ihre Philosophie aufnimmt, sich aber dennoch größtenteils Platon verpflichtet fühlt. Platonismus und Neuplatonismus verhalten sich begrifflich daher wie eine reine und eine vermischte Lehre Platons zueinander. Wollte man diese Sensibilität auf den sogenannten »italienischen Renaisseplatonismus« übertragen, so würde man feststellen, dass man in Hinblick auf bestimmte Werke und bestimmte Autoren besser von einen »Renaissanceeneuplatonismus« sprechen müsste.

2 Leave a comment on Absatz 2 0 Diese Sensibilität lässt sich aber noch verschärfen, wenn man bedenkt, dass der Platonismus selbst keine reine Lehre darstellt, sondern meistens eigentlich ein Sokratismus ist, der wiederum an einigen Stellen vorsokratische und besonders neopythagoreische Elemente enthält. Bislang ging man berechtigterweise davon aus, dass sich der genuine Platonismus in seiner »doxographisch faßbaren homogenen Tradition« in der Spätantike und Frühen Neuzeit sich nicht durchsetzten konnte1. Hans Blumenberg hat in Anschluss an Walter Bröcker den Neuplatonismus in diesen beiden Epochen als einen Pseudoplatonismus charakterisiert, d. h. einen »Platonismus ohne Sokrates«2. Untersucht man aber – wie wir es im Folgenden versuchen wollen – den Philosophiebegriff des sogenannten italienischen Renaissanceplatonismus, so fällt auf, dass dieser entweder ein Sokratismus, der einen Neopythagoreismus mit einschließt, oder ein Pseudosokratismus ist, insofern er versucht, die pythagoreischen Einflüsse in der Philosophie Sokrates’ zu verleugnen. Im Fall des Neopythagoreismus müsste man von einer differenzierten Variante des Sokratismus sprechen, er wiederum nur eine präzisere Prädikation des genuinen Platonismus darstellt. Im Fall des Pseudosokratismus müsste man von einem radikal-genuinen Platonismus sprechen, der keine Verortung vorsokratischer Einflüsse in der Philosophie Sokrates’ und damit Platons duldet.

3 Leave a comment on Absatz 3 0 Dass diese kategoriale Unterscheidung, – einerseits zwischen Neuplatonismus (als Platonismus mit aristotelischen, stoischen und skeptischen Elementen), Pseudoplatonismus (als Platonismus ohne Sokrates) und Platonismus (als Platonismus mit Sokratismus) und andererseits in Neopythagoreismus (als Sokratismus mit Pythagoreismus) und Pseudosokratismus (als Sokratismus ohne Pythagoras) – wichtig ist, wird schon dadurch deutlich, dass der italienische Renaisseneuplatonismus seine Lehre größtenteils am Kommentar platonischer und neuplatonischer Autoren entwickelt. Will man folglich den Philosophiebegriff von Autoren aus dem Florentiner Medici-Kreis des 15. Jahrhunderts untersuchen, so ist man genötigt, diesen in Bezug zu den referierten Originalquellen zu extrapolieren. Im Folgenden soll zunächst der Philosophiebegriff von Marsilio Ficino und seinem Schüler Fresco di Zanobi Cattani da Diacceto systematisch im jeweiligen Vergleich zu den antiken Quellen herausgearbeitet werden. Dies wird es in einer zweiten Studie erlauben, historisch zu untersuchen, ob es innerhalb des Medici-Kreises eine Entwicklung des interpretierten Philosophiebegriffs gab. Insofern erlauben wir uns in dem hier vorliegenden ersten Aufsatz zum Philosophiebegriff, die Lehre Ficinos und Diaccetos als eine einheitlich anzusehen und gehen somit nicht auf die bestehenden Differenzen zwischen den unterschiedlichen Werken der unterschiedlichen Entwicklungsstadien des jeweiligen Denkers ein.

4 Leave a comment on Absatz 4 0 Wir werden versuchen, den Philosophiebegriff bei Ficino aus drei Perspektiven zu beleuchten: nämlich nämlich im Hinblick auf 1) Etymologie, 2) Ziele und 3) Objekte der Philosophie. Dass Marsilio Ficino mit dieser vorläufigen Einteilung des Philosophiebegriffs in etymologische Herkunft, Zweck und Untersuchungsobjekt (zum Zweck einer Gliederung der Darstellung) selbst einverstanden gewesen wäre, wird schon daran ersichtlich, dass er Ursprung, Ende und Material als die drei herausragenden Dinge benennt, mit denen sich jeder Philosoph zu beschäftigen habe:

5 Leave a comment on Absatz 5 0 Tria sunt […] apud Philosophos præcipua, finis uidelicet origo[,] atq[ue] materia, quibus cuiusq[ue] doctrinæ perfectionē[m] iudicare consueruerunt3.

6 Leave a comment on Absatz 6 0 Diese Dreiteilung, die Ficino wesentlich für den Philosophen bzw. die Philosophie erachtet, lässt sich umstandslos auf seine eigene Lehre und somit auf unsere Einteilung von Ficinos Philosophiebegriff übertragen, da Ficinos Lehre sich selbst an der Philosophie orientiert, die er hier begutachtet.


7 Leave a comment on Absatz 7 0 1Hans Blumenberg: Neoplatonismen und Pseudoplatonismen in der Kosmologie und Mechanik der frühen Neuzeit. In: Ästhetische und metaphorologische Schriften. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2001, S. 291–327, hier: S. 292.

8 Leave a comment on Absatz 8 0 2Ebd. – Walter Bröcker: Platonismus ohne Sokrates. Ein Vortrag über Plotin. Frankfurt a. M.: Klostermann, 1966.

9 Leave a comment on Absatz 9 0 3Marsilio Ficino: Epistolarum IV 14. Oratio de laudibus medicinæ. In: Opera quae hactenus existere. Henricpetri. Basileae 1576, S. 759.

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Quelle:https://blog.fernuni-hagen.de/emto-preprint/neopythagoreismen-und-pseudosokratismen-im-platonismus-der-fruhen-neuzeit/prooemium/