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Recapitulatio

1 Leave a comment on Absatz 1 0 Die zum Zweck der Gliederung vorläufige Einteilung der Philosophie in 1) Ursprung, 2) Ziel und 3) Materie zeigt sich als kaum haltbar. Zu verwoben mit seinen einzelnen Aspekten erscheint der organische Philosophiebegriff Ficinos bei dem Versuch, ihn anhand einer distinkten Einteilung lexikalisch abzuarbeiten. Im Unterschied zu dem gewöhnlichen Philosophiebegriff hält Ficino Philosophie und Weisheit keinesfalls für austauschbar – das ist der Kern seines Philosophiebegriffs –, weil jene nur zu dieser hinführt und sich beide Begriffe daher nahezu ausschließen. Er beharrt vielmehr auf dem pythagoreischen Ursprung des Begriffs Philosophie, dessen Etymologie zu einer Definition in Form von »Philosophie ist das aktive Streben des Menschen zum passiven Zustand der göttlichen Weisheit“ verpflichtet. Im Sinne Ficinos könnte man sagen, dass jede weitere Bestimmung, die sich nicht an dieser pythagoreischen und sokratischen Etymologie orientiert, der Bezeichnung „Philosophie“ widerspricht. Das theoretische Ziel der Philosophie ist die cogitatio veritatis, der sich der Mensch als Philosoph nur annähern kann. Die Weisheit und das Wissen, das die Philosophie liebt, ist daher nur ein Ideal, das höchstens im Jenseits erreicht werden kann – gleichzeitig ist aber klar, dass eine Differenzierung der Begriffe Philosophie und Weisheit im Jenseits hinfällig sein muss. Der vermeintlich praktische Aspekt der meditatio mortis besitzt bei Ficino keinen konstitutiven Gehalt, mit dem er die Frage, was Philosophie sei, beantworten könnte. Wird die meditatio mortis im Aristotelismus als ein Ziel der Lebensführung angesehen, so wird der Begriff bei Ficino zu einer Metapher des philosophischen Weges, der in der Abstraktion des Irdischen beseteht und somit eine teilweise Vorwegnahme des Jenseits ist. Der Aspekt spiegelt damit nur die diesseitige Erwartungshaltung des Philosophen in Anbetracht seiner jenseitigen Vollendung wider. Das Materie der Philosophie ist wiederum die Liebe, die das universale Prinzip ›hinter‹ allen Aktivitäten des Menschen ist. Sie bleibt auch das universale Prinzip, gleich ob der Philosoph als Initiand für sich zur Weisheit strebt oder ob er nach einer kurzfristigen, aber lebensverändernden Ideenschau zum Initiator für eine Schülergemeinschaft Mittel und Ziel des Aufstiegs tradiert. Betrachtet man Etymologie, Ziel und Untersuchungsobjekt des ficinischen Philosophiebegriffs, so fällt auf, dass dieser nicht genuin platonisch, sondern vielmehr neopythagoreisch-sokratisch 46 ist. In allen Bestimmungen der Philosophie lässt sich die Differenz zwischen der menschlichen Suche nach Weisheit und dem göttlichen Besitz derselben erkennen.


2 Leave a comment on Absatz 2 0 46Vgl. Christopher S. Celenza: Pythagoras in the Renaissance: The Case of Marsilio Ficino. In: Renaissance Quarterly 52:3 (1999), S. 667–711, bes. S. 668. – James Hankins: The Myth of the Platonic Academy of Florence. In: Renaissance Quarterly 44 (1991): 429–75, bes. S. 443, and S. 461ff.

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Quelle:https://blog.fernuni-hagen.de/emto-preprint/neopythagoreismen-und-pseudosokratismen-im-platonismus-der-fruhen-neuzeit/recapitulatio/